Nancy

„Tamara, iss deinen Teller leer.“
„Aber ich habe keinen Hunger, Papa.“
Der Mann schüttelte missbilligend den Kopf. „Na, na. Du musst essen, das weißt du doch. Sonst wirst du schwach und krank und musst im Bett bleiben.“
„Ja, Papa.“ Lustlos stocherte sie in dem Fleisch herum. Das Gemüse blieb unangetastet – wie immer. „Wo ist Nancy?“ Sie hatte ihr Kindermädchen schon den ganzen Tag nicht gesehen. Das war an sich nicht weiter ungewöhnlich, aber Tammy wusste, was das bedeuten musste.
„Iss auf, Kleines.“
„Kommt sie wieder?“
„Nein, Tammy. Sie hat uns verlassen.“
Natürlich. Sie kamen, passten eine Weile auf sie auf und dann, eines Tages, waren sie fort und kehrten nie wieder zurück. Tammy schob sich ein Stück Fleisch in den Mund und beobachtete ihren Vater. Er war das einzig beständige in ihrem Leben. Er war ihr Zuhause. Normalerweise blieben sie nämlich nicht lange genug an einem Ort, als dass sie Freunde finden oder sich an ein neues Haus gewöhnen konnte.
„Und ziehen wir bald wieder um?“
„Ja, mein Mädchen.“
Die Antwort hatte sie schon vorher gekannt. Sie zogen immer um, nachdem ein Kindermädchen verschwand. Sie sah auf ihren Teller, aß noch einen Bissen.
„Du vermisst sie.“ Ihr Vater legte das Besteck beiseite und beugte sich über den Tisch. Sie sah ihn an und nickte. Sein Blick war verständnisvoll wie eh und je. Trotzdem änderte das nichts ans der Situation.
„Sie wird immer bei dir sein, Tammy. Das weißt du doch.“
„Ja, Papa.“ Sie schob sich das letzte Stückchen Fleisch in den Mund.
„Sie und ihre wundervollen Geschichten.“
„Ja.“ Nancys Geschichten waren wirklich wundervoll gewesen. Aber kaum etwas Besonderes. Alle ihre Kindermädchen hatten bis jetzt diese mystischen, magischen und geheimnisvollen Geschichten gekannt. Sie alle hatten ihr von Feen und Hexe berichtet, von Magie und Liebe.
„Das hast du gut gemacht, meine Kleine. Und jetzt husch ins Bad. Ich komme gleich nach.“
Tammy erhob sich und ließ ihre Kleider achtlos in dem Wäschekorb neben der Badezimmertür zurück. Ihr nackter Bauch drückte sich auf den Wannenrand, als sie das Wasser einschaltete und den Stöpsel in den Abfluss drückte. Nachdem sie ein schaumloses Duftbad hinzugegeben hatte, ließ sie sich selbst in die Wanne gleiten.
„Soll ich dir noch etwas zu Trinken mitbringen?“, rief ihr Vater.
Tammy schlang die dünnen Arme um die ebenso dünnen Beine und schüttelte den Kopf. „Nein, Papa. Ich brauche nichts.“

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