Jasmin

Das sanfte Streicheln über ihren Rücken war nicht halb so beruhigend, wie sie es sich gewünscht hätte.
„Ich habe sie wirklich gerne, Papa.“
„Ja, das weiß ich.“
„Und ich möchte nicht wieder umziehen. Ich habe … doch endlich Freunde gefunden.“
„Es tut mir Leid, mein Engel. Es geht nicht anders.“
Ein Kuss im Nacken ließ Tammy leise seufzen. Sie schmiegte sich an ihren Vater und schloss einen Moment die Augen.
„Du hast doch mich.“
Tammy nickte. „Ja.“
Die starken Arme schlangen sich von hinten um ihren Körper während sie auf ihren Teller starrte. Sie hatte keinen Hunger. Wollte nicht schon wieder essen – nicht das!
Aber ihr Vater zeigte kein Erbarmen, griff seinerseits nach der Gabel und spießte ein kleines Stück Fleisch auf, das sie bereits vom Knochen gelöst hatte.
„Mund auf“, sagte er und hielt ihr die Gabel vor den Mund.
Als sie nicht reagierte, wurde er fordernder. „Tammy! Mach den Mund auf und iss das!“
„Ich will aber nicht. Ich habe keinen Hunger.“
„Du weißt, was mit deiner Mutter passiert ist. Willst du, dass dir dasselbe passiert?“
Tammy schluchzte. „Nein.“
Ihre Mutter war vor Jahren verbrannt. In Flammen aufgegangen, hatte ihr Vater gesagt. Sie war verbrannt, weil sie nicht gegessen hatte. Weil sie sich dagegen gesträubt hatte.
Widerwillig öffnete sie die Lippen und nahm das Mahl entgegen. Die Hand an ihrem Bauch streichelte über nackte Haut als sie den Blick hob und zur anderen Seite des Tisches sah.
„Geht es dir gut, Jasmin?“, fragte sie.
Die Frau antwortete nicht. Sie saß nur da, starrte mit reglosen Augen zu ihnen hinüber. Nur das Zittern ihrer Unterlippe verriet, dass sie noch am Leben war. Tammy neigte den Kopf zur Seite.
„Möchtest du auch etwas Essen?“
„Lass sie nur, Liebling.“ Ihr Vater lachte leise. „Du bist zu gut für diese Welt, weißt du?“
„Aber sie sieht hungrig aus, Papa. Sieh nur.“
Einen Moment betrachteten sie beide das Kindermädchen. Ein Strick schlang sich um ihren Bauch. Tammy fragte sich wieso, denn sie war sicher, dass Jasmin nicht einfach weglaufen würde. Wie auch? Sie hatte keine Beine mehr. Wahrscheinlich, dachte sie, würde sie sonst vom Stuhl kippen.
„Du hast recht. Sie sieht ein bisschen hungrig aus. Wir werden ihr nachher etwas zu Essen geben. Jetzt bist du erstmal dran. Hier.“ Er hielt ihr ein weiteres Stück vor die Lippen. Tammy aß, ohne den Blick von Jasmin abzuwenden. Tränen glitzerten in den Augen des Kindermädchens und das machte Tammy ebenfalls traurig.
„Es ist okay, Liebling“, hörte sie ihren Vater sagen. Er streichelte abermals über ihren Bauch und schließlich durch ihr langes Haar. Eine blonde Strähne fiel Tammy ins Gesicht. „Sie hat es fast geschafft.“
Tammy nickte und aß einen weiteren Bissen. Ihr Blick fiel auf die dunklen Arme der Frau. Sie endeten in blutigen Stumpen.

 

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