Sommerregen …

Mit geschlossenen Augen stand sie da. Das Gesicht gen Himmel. Der leichte Wind verwandelte sich in einen Sturm.

Duftender Sommersturm.

Er kam mit rasender Geschwindigkeit. Immer näher trug er die schwarze Wolkenfront.

Sie blinzelte, als ein Tropfen ihre Wange berührte. Über ihr waren die dünnen Wolken noch weiß. Vor ihr, am Horizont, türmten sie sich schwarz auf. Drohten sie zu überschwemmen wie eine düstere Welle.

Sie sank in den Rasen.

Noch ein Regentropfen.

Eine Gänsehaut zog sich über ihre nackten Beine. Als sie sich nach hinten fallen ließ, kitzelte der kühler werdende Rasen ihre Ohren.

So schnell zogen die Wolken über ihr hinweg, dass ihr schwindelig wurde. Trotzdem lächelte sie.

Weitere Tropfen. Langsam wurden es mehr. Ganz langsam.

Ein tiefes Grollen rollte über sie hinweg. Sie glaubte die Vibration in der Brust spüren zu können.

Weiß wurde grau. Grau fast schwarz.

Ein Blitz zuckte über den Himmel. Nur für den Bruchteil einer Sekunde, doch er brannte sich in ihre Netzhaut, sodass sie ihn noch länger zu sehen glaubte.

Jetzt setzte der Regen richtig ein, prasselte auf das Dach des Gartenhauses hinter ihr.

Der Geruch von nassem Stein und saftigem Moss breitete sich aus. Ein schöner Geruch.

Sie schloss die Augen wieder, ließ das warme Nass auf ihr Gesicht prasseln. Trotzdem sah sie die grellen Blitze durch ihre Lider hindurch. Ein weiteres Grollen. Noch mehr Regen. Der Sturm tobte und das Rascheln der Birken um sie herum wurde so laut, dass es sogar ihre Gedanken zu übertönen schien.

Stille im Sturm.

Sie hörte nichts mehr, außer den tanzenden Bäumen im Wind. Hin und wieder ein Kacken. Äste brachen, aber sie zuckte nicht mal zusammen. Sie war sicher. Es würde ihr nichts passieren.

Wie auch? Sie war noch nicht fertig mit ihrem Leben. Mit dem Ende des Sturms würde auch die Realität zurückkehren. Doch nicht jetzt. Ein paar minuten blieben ihr noch.

Der Rock klebte an ihren Schenkeln. Sie war nass bis auf die Haut. Egal. Der Regen nahm den Kummer fort. Die Gedanken. Er nahm sie fort. Spülte alles weg, was sie belastete und ließ nichts als Klarheit zurück.

Kein Schmerz.

Keine Scham.

Nichts, was sie nicht brauchen konnte.

Ein weiterer Blitz, begleitet von einem Donnern, das in ihren Ohren schmerzte. War das ein Zischen gewesen?

KRACH!

Sie schlug die Augen auf und setzte sich hin.

Der Blitz war rund 30 Meter vor ihr eingeschlagen, hatte eine dampfende Stelle auf dem Feld hinterlassen.

Egal. 30 Meter waren 30 Meter.

Sie sank zurück in den Rasen, schloss die Augen erneut.

Der Regen spülte alles fort.

Auch die Angst.

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