Christian Bold – Eine Weihnachtsgeschichte (Teil 9)

CB_Cover 600xEs war gestern schon fertig, aber ich wollte euch nicht auf diesem Kapitel sitzen lassen. Deswegen lade ich es jetzt hoch, bevor ich mit Teil 10 anfange. Die Fortsetzung bekommt ihr dann (hoffentlich) heute Mittag noch, sodass ihr nur ein paar Stunden mit diesem Kapitel leiden müsst 😉 Lasst mich wissen, wieviele Taschentücher ihr brauchtet *lach*

Hier geht’s zum ANFANG der Geschichte!

Christian Bold: Teil 9
… und ein glückliches neues Jahr

Christian fühlte sich, als stünde er unter Strom. Und das wurde mit jeder Sekunde schlimmer. Nein, schlimm war es nicht. Es war gut. Es war verdammt gut! Es war sogar so gut, dass er das breite Grinsen gar nicht mehr aus dem Gesicht bekam. Trotz der zwei Gläser Scotch, die er sich im Club gegönnt hatte, stieg er in seinen SUV und ließ den Motor aufheulen. Es pumpten soviel Glückshormone durch seine Adern, dass der Alkohol sein geringstes Problem war, was die Fahrtüchtigkeit anging.
Ungeduldig manövrierte er den Wagen aus der Parklücke und schlängelte sich durch den Verkehr. Herr Gott! Es war Weihnachten! Wieso zum Teufel war auf den Straßen trotzdem so viel los?!
Das Herz schlug ihm bis zum Hals während er auf den Stadtrand zusteuerte. Er hatte keine Ahnung, was er sagen sollte, aber er wusste zumindest, was er tun musste. Er musste seinem Herzen folgen und die Sache klären. Herzklopfen und Schmetterlingstänze waren neben dem nervösen Kribbeln auf seiner Haut nur wenige Symptome für das, was ihn heimgesucht hatte.
Scheiße, er hatte sich verliebt! Das erste Mal in seinem Leben war er verliebt! Wie hatte er auch nur eine Sekunde daran zweifeln können? Wie hatte er auch nur eine Sekunde in Erwägung ziehen können, dieses Gefühl zu verdrängen und …
Er stieg auf die Bremse und löste damit ein regelrechtes Hubkonzert aus.
Frank!
Den hatte er fast vergessen. Oder besser gesagt: Verdrängt.
Seinem Hochgefühl wurde ein Dämpfer verpasst und er biss sich auf die Unterlippe. Er hatte sich in einen Mann verliebt, der bereits in festen Händen war. Deswegen hatte er sich die ganze Scheiße doch nur wieder ausgeredet!
Ein Wagen hielt neben ihm und Chris wandte den Kopf. Der wütende Fahrer fluchte und schimpfte hinter seiner Scheibe und bedachte ihn mit einer wenig freundlichen Geste, dann fuhr er weiter.
Chris trat ebenfalls wieder aufs Gas und hielt erst wieder, als er einen leeren Taxistand erreicht hatte.
Was jetzt? Eben war er sich noch so sicher gewesen. Zu Joshua fahren, ihn in seine Arme ziehen und ihm versprechen, dass er nicht einfach verschwinden würde. Aber was war mit Frank? Er wollte einem Freund nicht die Liebe ausspannen. Um Gottes Willen! Aber die ganze Situation totschweigen und nie wieder ein Wort darüber verlieren, das wollte er auch nicht.
Als hätte ein Weihnachtswunder seine Zweifel erhört, vibrierte sein Handy plötzlich. Er zog es aus der Tasche und runzelte die Stirn. Eine SMS von Unbekannt. Die Nummer, die angezeigt wurde, sagte ihm nichts.
»Werde ich dich wiedersehen? Wirst du mich je wieder halten? Mich küssen? Mich berühren? Josh«
Oh fuck!
Das Blut schoss ihm sofort in die Lenden und der Herzkasper begann von vorne. Was antworten? Ja? Nein? Wie denn? Klär‘ das mit Frank?
Die Minuten vergingen und er starrte auf die Nachricht, tippte zwischendurch immer wieder aufs Display, damit es nicht ausging. Dann schrieb er einfach. Die Wahrheit. Nicht zu viel und nicht zu wenig.
»Ich hoffe es.«
Das musste reichen. Fürs Erste zumindest. Aber jetzt wusste er auf jeden Fall, dass er seinen Weg fortsetzen musste. Er konnte jetzt nicht einfach zurück in den Club fahren oder nach Hause zurückkehren. Er musste diese Sache klären. Ein für alle Mal. Und zwar mit Joshua UND Frank.
Auf dem Weg zur Wohnsiedlung stoppte er den Wagen noch zwei Mal am Straßenrand, um sich zu überlegen, was er tun oder sagen sollte. Wie ging man so was an? Wie würde Frank seinen Besuch auffassen? Sollte er mit der Tür ins Haus fallen oder sich heimlich dazu schleichen? Gab es überhaupt einen »richtigen« Weg, das zu tun?
Und was zum Teufel wollte er überhaupt tun? Zu Frank gehen und sagen »Hey, Kumpel. Sorry, aber ich bin in dein Subbie verschossen. Glaubst du, du könntest ihn mir überlassen?«.
Beinahe hätte Chris über sich selbst gelacht. Nein, so ging es nicht. Aber vielleicht konnte er sich zumindest etwas mehr Zeit mit den beiden erbitten. Öfter zu ihnen kommen, sich von Josh bekochen lassen und das Bett mit beiden teilen. Das wäre eine Lösung – zumindest für ihn. Und für Josh sicher auch. Aber für Frank?
Er hatte sich immer noch nicht entschieden, als er den Wagen schließlich vor dem kleinen Haus parkte. Nervös trommelte er mit den Fingern aufs Lenkrad.
Aussteigen. Klingeln. Die Sache klären.
Seinem Herzen folgen.
Oder wieder fahren? Die Beine in die Hand nehmen und auf das mulmige Gefühl in seinem Magen hören, dass ihn davor warnte einem Freund mitzuteilen, dass er etwas für seinen Partner empfand?
Konnte diese Geschichte überhaupt gut enden?
Natürlich, dachte er. Es ist Weihnachten. Zeit der Wunder und der Liebe. Tu es einfach, Chris. Tu es einfach.
Es dauerte weitere zehn Minuten, die er zum Inhalieren zweier Zigaretten nutzte, bevor er aus dem Wagen stieg und sich dem Haus näherte. Zähne zusammen beißen und durch. Josh hatte nicht mehr auf seine SMS geantwortet. Vielleicht waren er und Frank ja auch gerade beschäftigt und ihm würde gar keiner aufmachen. Das wäre dann wohl die Antwort des Schicksals auf sein Vorhaben.
Genau! Entweder ihm wurde geöffnet, dann würde er die Sache klären, oder man ließ ihn hier draußen in der nach Schnee duftenden Kälte stehen, dann würde er wieder fahren und es nicht noch einmal versuchen.
Guter Plan.
Er atmete noch einmal tief durch und drückte dann auf den kleinen Klingelknopf. Gerade als er sich dabei erwischte, zu hoffen, dass ihm tatsächlich nicht geöffnet wurde, hörte er laute Stimmen gefolgt von schweren Schritten.
Die Tür wurde geöffnet und Frank sah ihm schlecht gelaunt entgegen. Der Fotograf sah gut aus in seinem dunklen Rollkragenpullover und mit der randlosen Brille auf der Nase.
Christian lächelte und bemerkte erst Sekunden später, dass Franks Laune sich bei seinem Anblick nicht besserte – ganz im Gegenteil.
»Was willst du hier?«, blaffte Frank und verengte leicht die Augen.
»Ich will mit dir reden.«
»So viel Anstand hast du also noch, ja?«
Oh, oh! Hier lief etwas gewaltig schief. Franks Wut konnte eigentlich nur eines bedeuten. Hinter dem Fotografen nahm Chris eine Bewegung wahr. Er sah an Frank vorbei und entdeckte Joshua im Türrahmen des Wohnzimmers auftauchen.
»Was zum …« Unter dem linken Auge des Mannes schimmerte ein dunkler Fleck. »Hast du ihn geschlagen?!«
»Wag es ja nicht, ihn anzusehen!«, fauchte Frank und drängte ihn zurück. Er kam mit vor die Tür und stieß ihm grob den Zeigefinger gegen die Brust. »Ich habe dir vertraut, du Arschloch! Und was machst du? Kommst in mein Haus, fickst meinen Freund und stielst sein Herz?! Und dann besitzt du auch noch die Frechheit, wieder hier herzukommen und WAS zu tun? Was willst du, Christian? WAS willst du hier!«
Christian fühlte sich mehr als vor den Kopf gestoßen. Was passierte hier gerade? Er schaffte es nicht, die Situation zu begreifen. Eben war er noch so glücklich gewesen und jetzt … viel dieses Glück wie ein Kartenhaus in sich zusammen.
Ja, war er denn verrückt geworden, hier aufzutauchen?! War er denn verrückt geworden, auf Joshs SMS zu antworten?!
»Ich … wollte mit dir reden. Über ihn. Über uns …«
»Es gibt nichts zu reden, Wichser! Ich werde nicht zulassen, dass du meine Beziehung ruinierst und mir meinen Freund wegnimmst!«
Noch bevor Christian darauf reagieren konnten, es auch nur realisierte, sauste die Faust auf ihn zu und traf ihn hart am Kinn. Er keuchte auf und stolperte zurück. Dabei trat er ins Leere und fiel rückwärts die drei Stufen zur Veranda hinunter. Mit einem schmerhaften Zischen blieb er am Boden, während Frank sich auf der Treppe aufbaute und ihn zornig anfunkelte.
»Verpiss dich, Christian! Und wage es ja nicht, ihm noch einmal zu nahe zu kommen. Ich werde dich windelweich prügeln, wenn du ihm auch nur eine Nachricht schickst, verstanden?!«
Benommen blieb Chris am Boden sitzen, rieb sich den Kiefer und sah zu dem wütenden Mann empor. Er verstand ihn. Er verstand sein Verhalten und seine Gefühle. Aber wo … war Josh? Wieso kam er nicht, um seinen Teil zu dieser Unterhaltung beizutragen?
Er antwortete nicht mehr, sah nur zu, wie Frank sich abwandte und die Haustür wieder zuknallte. Im Inneren des Hauses brüllte er wieder. Türen wurden geknallt, dann war es still. Chris blinzelte und starrte weiter zur Tür empor. Seine Gedanken drehten sich im Kreis. In seiner Brust wummerte ein schrecklicher Schmerz.
Langsam erhob er sich und ging zurück zu seinem Wagen. Kam ihm der Weg nur so lang vor? Wahrscheinlich. Es fühlte sich an, als bräuchte er ewig und als er endlich neben dem SUV stand und die Fahrertür öffnete, hob er noch einmal den Blick zum Haus. Eine Gestalt stand am Fenster. Joshua … Er legte eine Hand an die Glasscheibe und in dem Moment, indem Chris seine Atmung aussetzen spürte, rieselten kleine Schneeflocken auf ihn hinunter.
Wirklich? Schnee? Jetzt?!
Nicht fair …
»Frohe Weihnachten«, flüsterte er und hob die Hand. »Und … ein glückliches neues Jahr.«
So eine Pleite. So eine Scheiße!
Josh hob etwas hoch und nach einem kurzen Blinzeln erkannte Chris, dass es ein Handy war. Er griff nach seinem eigenen. Kaum dass er es entsperrt hatte, klingelte es.
Zögernd nahm er den Anruf entgegen und hob den Blick wieder zum Fenster. Aber er schaffte es nicht, etwas zu sagen.
»Es … tut mir leid, Chris.« Joshs Stimme klang nach Tränen und sofort fingen seine eigenen Augen an, zu brennen.
»Komm-« Er räusperte sich. »Komm raus. Komm zu mir. Du musst nicht dort bleiben.«
»Ich … kann nicht.«
Chris‘ Herz zog sich zusammen. Nein, er wollte niemandem seine Liebe stehlen. Aber er wollte Joshua auch nicht so unglücklich sehen. Und verdammt noch mal, Frank hatte ihn geschlagen! Ihm ein blaues Auge verpasst!
»Er hat dir wehgetan.«
»Das ist nicht schlimm. Ich .. Ich kann ihn nicht verlassen, Chris. Ich liebe ihn … Deswegen … musste ich ihm auch alles sagen. Alles, was … was in mir vorgeht.«
Chris wollte danach fragen. Wollte wissen, was in Josh vorging und wieso Frank so ausgeflippt war. Aber er kannte die Antwort und er wollte sie nicht hören. Er wollte die ganze Sache nur so schnell wie möglich wieder vergessen und seinen eigenen Schmerz im Alkohol ertränken.
Die erste Liebe … und dann musste es so ablaufen?
»Leb wohl, Josh …«
Er wartete nicht mehr auf eine Antwort, beendete das Telefonat und stieg in seinen Wagen. Weg hier. Unbedingt. So viel Abstand zwischen ihn und das Haus bringen. Er startete den Motor und trat aufs Gas, ließ das Haus und Joshua hinter sich.

TBC
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