Wie es sein soll – und wie es wirklich ist.

Wie es sein soll …
Ein Plot sollte sich bei mir in der Regel immer „aufbauen“. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber die bestätigen ja bekanntlich die Regel. Ich habe meinen Sprössling, aus dem eine etwas ausgereiftere Idee wird. Diese Idee pflücke ich auseinander, bis die Beschreibung nicht genauer sein kann. Ich setze mir sozusagen kleine Ankerpunkte, die ich von der Start- bis zur Ziellinie absolvieren muss, um auf logische und erklärliche Weise dorthin zu kommen, wo ich hin will. Dann müssen auch noch die Zwischenräume gefüllt werden. Was passiert auf dem Weg von einer Flagge zur nächsten? Der ideale Platz für Nebenstränge oder neue Charaktere!

Mein wohl hübschester Plot, mit dem ich je gearbeitet habe, sah so aus:

PlotVorschau

Hier könnt ihr schon sehr gut erkennen, dass ich mit vielen Perspektivensprüngen gearbeitet habe. In so einmal Fall ist für mich ein Plot unerlässlich. Ich darf den Überblick nicht verlieren, sonst weiß ich auf einmal nicht mehr, wo sich welcher Charakter befindet. Die Storyline ist also aufgeteilt auf Kapitel und Szenen. Die einzelnen Szenen tragen die Charaktere, die sie behandeln, als Überschrift. Außerdem das kleinen [ ] Kästchen, zum Ankreuzen. Ich drucke mir meine Plots gerne aus. Es fühlt sich gut an, eine Szene abhaken zu können 😉
Der graue Einschub, den ihr in der dritten Szene erkennen könnt, ist eine Teilszene, die ich ganz am Ende neu hinzugefügt habe. Denn während des Lektorats, wurde mir klar, dass noch etwas Größeres hinzukommen musste. Aber das ist ein anderes Thema … mehr oder weniger.

Wenn eine Geschichte/ein Buch überwiegend aus einer einzigen Perspektive geschildert wird, dann mache ich mir diesen Aufwand in der Regel nicht. Als Beispiel mein aktuelles „dead soft Projekt“ (es trägt den Arbeitstitel Kalte Ketten). Hier habe ich den Plot einfach Szene für Szene in einem Worddokument aufgelistet. Ich habe ihn mir nicht mal ausgedruckt, sondern jedes Mal, wenn ich eine Szene fertig hatte, den entsprechenden Absatz grau hinterlegt. Um die Kapitel habe ich mich sogar erst ganz zum Schluss gekümmert.

Im Idealfall sieht es also so aus:
Plot schreiben und ausdrucken, mit der ersten Szene starten und eine nach der anderen abhaken. Zum Schluss das Wort ENDE unter das Skript setzen und feiern. So sollte es sein – ist es aber eigentlich nie.

… und wie es wirklich ist
Jeder Plot, mag er noch so ausgeklügelt und detailliert sein, hat bei mir in der Regel einen Harken. Und es ist immer derselbe: die Charaktere!
Es kommt so ziemlich jedes Mal vor, dass mindestens einer meiner Charaktere ein Eigenleben entwickelt und beschließt, nicht dem Weg zu folgen, den ich für ihn gewählt habe. Da ist auf einmal jemand viel bösartiger, als er sein sollte, oder jemand verliebt sich in die falsche Person. Solche Ausrutscher können den ganzen Plan über den Haufen werfen. Ich gehöre zu den Autoren, die der Meinung sind, dass jede Handlung eines Protagonisten (egal ob geplant oder nicht) einen Grund hat. Folglich tue ich mich immer sehr schwer daran, ganze Szenen zu löschen, „nur weil sie nicht den Anforderungen entsprechen“. Sicher kennt ihr das. Szenen löschen ist Sch****! Umschreiben: O.K. Aber ganz rausnehmen? Das mache ich nur in den seltensten Fällen.
Was also tun, wenn der 10-Seiten lange Plot auf einmal für den Müll ist?

Ich sage euch, was ich nicht tue: Ihn tatsächlich in die Tonne treten. Wenn der Plan aufgrund eines solchen Hindernisses plötzlich nicht mehr so funktioniert, wie gedacht, dann sehe ich darin eine Herausforderung. In den meisten Fällen lässt sich das Problem mit ein paar kleinen Änderungen lösen. Wenn nicht …
Ja, wenn nicht, dann renne ich erst mal mit dem Kopf gegen die Wand, verfluche mein schriftstellerisches Nicht-Talent, rege mich über meine Charaktere auf und setze mich dann mit meinem sturen Dickkopf wieder davor. Jetzt muss ein weiterer „Nebenplot“ eingeschoben werden, der mich und meine (in diesen Augenblick weniger geliebten) Charaktere wieder auf den rechten Weg bringt.

Herausforderung angenommen
Ich befinde mich also an einem Punkt in meinem Projekt, an dem einer oder mehrere Charaktere nicht mehr so wollen, wie sie sollen. Dann sage ich mir: „Wisst ihr was? Ihr seid ich und ich kriege euch in den Griff!“
Mein roter Faden hat einen Knoten, den es zu lösen gilt. Ist doch kein Problem. Dann wird das Werk eben etwas länger als gedacht, weil ich noch eine Lösung einbauen muss. Und wenn das nicht läuft, dann muss der widerspenstige Charakter eben ersetzt werden. (Ja, ich kann sehr grausam sein. Vergesst das nicht, wenn ihr in Zukunft meine Bücher kauft 😉 ).

Oft dauert es Tage oder sogar Wochen, bis ich mich endlich gerappelt habe. Und wenn ich komplett auf dem Schlauch stehe, dann habe ich seit Kurzem meine liebe Melli. Sie ist Gold wert und Basis meines heutigen Tipps für dieses Problem.
Sucht euch um Himmels Willen jemanden, der mit eurem Projekt vertraut ist (oder den ihr damit vertraut machen könnt), um jemanden zu haben, der euch aus der Patsche hilft, wenn ihr mal wieder den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr seht!
Es gab schon Momente, in denen hat sie mich mit einer Einfachheit auf die Lösung hingewiesen, die mir die Schamesröte ins Gesicht getrieben hat. Wieso bin ich da nicht selber drauf gekommen? Es ist so naheliegend!
Jeder braucht seine Muse. Früher dachte ich, ich kann auch ohne, aber Testleser, Betas, Lektoren, Freunde oder Bekannte und wer euch noch so einfällt, können eine echte Hilfe sein. Vergesst das Argument „Ich will es ihnen nicht versauen.“ Da müssen sie durch, wenn sie ein Meisterwerk lesen sollen (oder wollen).

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Erzählt mir von euren größten Plot-Problemen. Sind es bei euch auch die Charaktere, die Ärger machen, oder steht ihr euch eher selbst im Weg? Was macht eure Pläne am schnellsten zu Nichte?

Das Konzept

Einen wunderschönen guten Morgen, meine Lieben. Bevor es mit dem Konzept weitergeht, möchte ich euch nur kurz versichern, dass ich euren Wunsch nicht vergessen habe. Ich werde euch bald einen Teil aus einem „Interview mit …“ zeigen. Allerdings konnte ich noch nichts spannendes finden, weshalb ich beschlossen habe, demnächst einfach mal ein neues zu machen. Daran werde ich euch dann teilhaben lassen. Momentan fehlt mir leider die Zeit dafür, also habt noch etwas Geduld 🙂

~*~

Nicht jeder Autor schwört auf ein ausgereiftes Konzept. Es gibt viele, die ohne Plot schreiben und trotzdem Erfolg ab. Hut ab! Ich kann das nicht. Früher habe ich so gearbeitet. Ich hatte eine Grundidee (manchmal nicht einmal das) und habe losgeschrieben. Ohne Charakterentwicklung, ohne großen Plan. Das Ergebnis war, dass ich entweder die Lust verlor, weil ich nicht mehr wusste, wo ich überhaupt hin wollte, oder mich so sehr verstrick habe, dass das ganze Skript nur so vor Logikmängeln und Sackgassen triefte. Typische Fälle von „gewollt und nicht gekonnt“.
So etwas ist demotivierend, frustrierend und letzten Endes sinnlos.

Obwohl „sinnlos“ natürlich das falsche Wort dafür ist. Immerhin habe ich daraus gelernt und vielleicht lag gerade darin der Sinn. Wie dem auch sei …

Heute weiß ich es besser und schreibe einen Plot. Ich erarbeite mir ein Konzept, obwohl ich genau weiß, dass ich öfter als einmal davon abweichen werde. Meine Charaktere entwickeln häufig ein Eigenlegen, aber dazu später mehr. An diesem Punkt meines Leitfadens habe ich schließlich noch gar nicht mit dem Schreiben begonnen.

An erster Stelle steht meistens ein Brainstorming. Das fällt weg, wenn die Idee am Anfang schon kein kleiner Sprössling mehr war, sondern ein ausgereifter Handlungsstrang. Inzwischen mache ich dieses Brainstorming überwiegend im Kopf.

Schritt 1 – Der „Rote Faden“
Unter dem „Roten Faden“ versteht man dein Hauptstrang der Geschichte. Die Handlung, die sich von Anfang bis Ende durchzieht. Auf ihm basiert die ganze Geschichte. Er hat Höhen und Tiefen, den einen oder anderen Knotenpunkt, an dem entscheidende Schlüsselszenen zu finden sind und, und, und …
Dieser Faden ist das erste, was ich festlege. Wo geht es los? Wo will ich hin? Wie komme ich dahin?!
Auf dem Weg von der Startlinie bis zum großen Ziel, baue ich so viele Hürden wie nötig ein, um es spannend zu halten. Die Geschichte eines Mannes, der zum Becker geht, ist nicht interessant. Die Geschichte eines Mannes, der zum Becker geht und dabei von einem Hund gejagt wird, schon eher. Und um es noch spannender zu machen, jagt der Hund ihn vielleicht in die entgegengesetzte Richtung. Auf einen Schrottplatz, wo noch weitere Hunde auf ihn warten.
Doch warum jagen die Hunde ihn? Vielleicht hat er Speck in der Tasche oder sein Sohn hat seine Hose in Hackfleisch eingeweicht.
Ich überlege, was dem Mann noch alles zustoßen kann, bis er endlich den Becker erreicht hat. Das Letzte, was ich will, ist, dass meinen Lesern langweilig wird.

Schritt 2 – Nebenstränge
Dem Hauptstrang ein paar Schlaufen zu verpassen ist ja schön und gut, aber es geht noch aufregender und „erfüllender“: Keine Geschichten ohne Nebenstrang. Unser roter Faden kann sich ruhig teilen und verschiedenen Personen folgen, um sich dann wieder zusammenzufügen. Oder es lösen sich kleine Stränge und verfolgen ganz eigene kleine Geschichten. Sie sollten allerdings spätestens auf den zweiten Blick etwas mit der Grundidee zu tun haben, oder irgendeinen anderen Sinn erfüllen.
Zum Beispiel könnte unser von Hunden gejagter Mann einer Frau begegnen, die ebenfalls gejagt worden ist. Gemeinsam verstecken sie sich vor den Vierbeinern. Entweder ist das Teil der Hauptgeschichte, oder eine süße kleine Nebenromanze, die kaum noch von Bedeutung ist, wenn unser Protagonist endlich sein Ziel erreicht hat.

Nicht das Ziel aus den Augen verlieren!
Trotz verschiedener Handlungsstränge, darf man sein eigentliches Ziel nie aus den Augen verlieren. Unser Mann ging los, um Brötchen beim Becker zu besorgen. Unser Ziel ist es, ihn dort hinzubringen. Selbst wenn sich jetzt eine Romanze zwischen ihm und der Frau entwickelt, darf es nicht darauf hinauslaufen, dass die beiden sich für immer finden, heiraten, Kinder kriegen, ein Haus kaufen und sich einen Hund zulegen. Zumindest nicht, bevor er nicht endlich seine Brötchen gekauft hat!

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An dieser Stelle seid ihr wieder gefragt: Auf welche Punkte soll ich in den nächsten Artikeln näher eingehen? Was liegt euch besonders am Herzen? Was interessiert euch besonders? Das Brainstorming? Wie so ein Plot bei mir aussieht und was alles schief gehen kann? Ich bin gespannt auf eure Wünsche 🙂

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