Zorali 1 – Der Drachenkönig

Photocover 01

Klappentext

Zorali, die einzige Tochter des Königs von Amanien, lebt in einem goldenen Käfig. Während sie im Palast eigentlich alles hat, ist er doch ihr ungeliebtes Gefängnis. Als ihr Bruder mit schlechten Nachrichten von einem Erkundungsritt zurückkehrt, sieht sie ihr Schicksal gekommen: Der letzte lebende Drache ist in Gefahr und der König weigert sich, etwas zu unternehmen. Zorali nimmt sich der Aufgabe an – ihr Abenteuer beginnt!

(Wird voraussichtlich im Oktober 2013 erscheinen.)

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Leseprobe

Der Wind trug den verführerischen Duft exotischer Blumen mit sich. Zora schloss die Augen und streckte den Hals. Obwohl sie etwa zwei mannshoch auf einem Ast im Apfelbaum saß, löste sie die Hände von der rauen Baumrinde und breitete die Arme aus, als wollte sie die ganze Welt umarmen. Es gab nicht viel, was sie in ihrem Leben wirklich genoss, deswegen schätzte sie Momente wie diesen. Wenn der Wind ihre rotbraune Haarmähne wild tanzen ließ, an ihren hübschen Kleidern zerrte und ihr eine Gänsehaut über den Körper jagte, fühlte sie sich freier denn je. Dann stellte sie sich vor, wie sie auf dem Rücken eines Greifen saß, der sie durch die Lüfte trug. Begleitet von den zwielichtigen Greifenreitern. Natürlich hatte sie in ihrem Leben noch nie eines dieser Geschöpfe gesehen – lediglich aus den Büchern ihres Vaters und Erzählungen ihrer Brüder kannte sie diese mächtigen Wesen.
Jemand wie sie, der sein Heim niemals verließ, bekam nicht viel von der Welt zu sehen. Bildung und Geschichten lehrten sie einiges, doch gewisse Erfahrungen würde sie niemals machen – wie die Begegnung mit einem Greifen.
Zora lebte in Amas, der Königsstadt von Amanien. Das Zentrum des Landes und Königreich ihres Vaters. Umso trauriger war es, dass sie die Schönheit der Hauptstadt nur vom Palast aus genießen konnte. Sicher, der Palast bildete mit all seinen Türmen und Mauern das Herz der Stadt und ragte über allem empor. Zora konnte fast jedes Zimmer betreten und die ganze Stadt betrachten. Doch konnte sie es nur aus der Ferne, denn über die Palastmauern hinweg zu springen, durch das Tor zu treten oder es auch nur in Erwägung zu ziehen, war ihr verboten. Ihr, der Prinzessin von Amas, war es untersagt, die Hauptstadt mit eigenen Augen und aus nächster Nähe zu erkunden.
Ein spitzer Schrei ließ sie zusammenfahren. Sie riss die Augen auf und verlor beinahe das Gleichgewicht. In letzter Sekunde schaffte sie es, sich an dem starken Ast festzuhalten. Mit wild klopfendem Herzen suchte sie den Boden unter sich ab, bis sie die Frau erkannte, von der dieser markerschütternde Schrei gekommen war: Milain, ihre nächste Vertraute. Sie stand unter dem Baum, hielt sich die Hände vor den Mund und starrte erschrocken zu ihr empor.
„Prinzessin!“, rief sie, als sie sich wieder gefangen hatte. „Bei den Göttern, was tut Ihr da?!“
Zorali verdrehte die Augen. Der Schreck in ihren Gliedern legte sich allmählich und als sie sicher war, dass sie es heil nach unten schaffen würde, hangelte sie sich akrobatisch vom Baum und sprang das letzte Stück hinunter. Sicher landete sie in dem grünen Gras, das ihre nackten Füße umschmeichelte.
„Ihr seid eines Tages noch mein Tod! Wieso erschreckt Ihr mich immer so?“
„Milain …“ Zora strich sich die wilden Locken zurück und lächelte die ältere Frau liebevoll an. „Hör auf, dir immer solche Sorgen zu machen. Ich bin kein kleines Kind mehr und weiß genau, was ich tue.“
„Ach wirklich?“ Milain stemmte die Fäuste in die Hüften und zog die Brauen zusammen. So finster blickte sie nur selten drein. „Ich bin nicht nur Eure Dienerin, sondern auch verantwortlich für Euer Wohlbefinden. Was glaubt Ihr, wird der König mit mir anstellen, wenn Ihr Euch ein Bein brecht oder – die Götter mögen es verhindern – den Hals?“
Zora ließ unschlüssig die Schultern kreisen. Sie hatte keine Ahnung, wie ihr Vater auf solche Verletzungen bei seiner einzigen Tochter reagieren würde. Wahrscheinlich wäre er außer sich, doch er würde nicht Milain dafür verantwortlich machen, sondern die Palastwache, die sie nicht beschützt hatte.
„Lass es gut sein, Milain. Es ist alles in Ordnung. Manchmal brauche ich eben … ein bisschen Freiheit.“
Der strenge Gesichtsausdruck auf Milains Zügen entspannte sich schlagartig. Sie sah fast mitleidig drein, als sie Zora über die Wange streichelte.
„Ihr seid die Prinzessin, Zorali. Das Ein und Alles Eures Vaters …“
„Und deswegen steht mir keine Freiheit zu?“
„Ihr seid frei!“
Zora schnaubte. Sie löste sich von ihrer Vertrauten und wandte sich ab. Langsam schritt sie zwischen den Apfelbäumen im königlichen Garten umher. „Ich bin nicht frei, Milain. Damals, als ich klein war, konntest du mir das vielleicht noch weiß machen, aber heute … heute weiß ich, dass ich eine Gefangene bin. Die Gefangene meines eigenen Lebens – meines Schicksal, das ich mir nicht ausgesucht habe.“ Sie hörte, dass Milain ihr folgte und wusste, dass sie nicht derselben Meinung war. Trotzdem würde sie ihr zuhören, sie versuchen eines Besseren zu belehren und anschließend würde … nichts geschehen. Nichts würde sich ändern. Wieso beklagte sie sich also noch? Sie hatte den Palast in den letzten 18 Sommern zwar nicht verlassen dürfen, aber wozu auch? Hier gab es alles, was sie brauchte. Ihre Brüder waren regelmäßig unterwegs, brachten ihr jedes Mal etwas von ihren Ausflügen mit und versorgten sie mit Geschichten aus der ganzen Welt. Und wenn sie es wollte, dann konnte sie jeder Zeit ein Fest abhalten oder dergleichen.
„Ich weiß, dass Ihr ein anderes Bild von Freiheit habt, junge Herrin“, meldete Milain sich zu Wort, „aber Euer Vater liebt Euch. Er will Euch beschützen und …“
Milain seufzte und brach ab. Wahrscheinlich wusste sie, dass ihre Worte nichts mehr bewirkten. „Eines Tages werdet Ihr die Möglichkeit haben, Euer Schicksal selbst zu wählen. Da bin ich sicher. Ihr seid zu einer starken und selbstbewussten Frau herangewachsen. Die Götter wären ganz schön blind, das nicht zu nutzen und Euch Euren Platz in dieser Welt zu zeigen.“
Zorali lachte. Niemand wagte es, die Götter in Zweifel zu ziehen – außer Milain. Natürlich nie in Gegenwart anderer, denn die Strafe dafür wäre äußerst unangenehm, doch wenn sie unter sich waren, dann konnten sie beide sich so geben, wie sie tatsächlich waren. Nur die förmliche Anrede, die hatte sie Milain nach all der Zeit immer noch nicht austreiben können – obwohl sie sich schon seit ihrer Geburt kannten.
Milain hatte sie zur Welt gebracht. Nicht als ihre leibliche Mutter, sondern als Hebamme. Die Königin war bei ihrer Geburt gestorben, aber Milain hatte sich danach so mütterlich und gut um sie gekümmert, dass es in ihrer Kindheit nur weniger Momente gegeben hatte, in denen sie ihre leibliche Mutter wirklich vermisst hatte. Milain hatte ihr alles beigebracht, was Mütter einem beibrachten. Lesen und schreiben, die Namen der Bäume und Blumen im Garten und den Umgang mit Messer und Gabel. Sogar das Nähen hatte sie ihr beigebracht, wenn auch heimlich, denn Prinzessinnen mussten nicht nähen können. Zora erinnerte sich, dass sie sich einmal in den Finger gestochen hatte. Ihr Vater war außer sich gewesen, als Milain ihm gestanden hatte, dass sie seiner Tochter das Nähen beibrachte. Seit her hatte all das, was Prinzessinnen normalerweise nicht machten, im Verborgenen stattfinden müssen.
Genauso wie die Geschichten, die Milain ihr hin und wieder erzählte. Zora wusste nicht, wie viele davon der Wahrheit entsprachen. Wahrscheinlich wusste Milain es selber nicht, denn auch sie verließ den Palast so gut wie nie. Aber über Bäume und Pflanzen wusste Milain Bescheid. Sie erzählte gerne von den Roten Bäumen, die vereinzelt im Gebirge zu finden waren. Ihre Rinde war rot wie Blut und sie trugen fast niemals Blätter. Nur dann, wenn sie ein Zeichen geben wollten, blühten sie auf. Dann bekamen sie rote Blätter und schneeweiße Blüten. Sie zeigten sich nur jenen, die würdig waren und so abwegig und sonderbar ihr diese Geschichte auch vorkam, Zora mochte die Vorstellung, dass es solche Bäume gab. Bäume die Menschen erkannten und Zeichen gaben. Bäume, die auf irgendeine Weise zum Verlauf der Geschichte beitrugen – im Gegensatz zu ihr. Ihr Vater mochte es nicht, wenn sie über solche Dinge sprach und an Magisches dachte, deswegen waren auch Geschichten wie die der Roten Bäume nicht erwünscht.
Diese Geheimnisse waren das Normalste in ihrer Kindheit gewesen – und sie hatten die Beziehung zu Milain tiefer werden lassen, als die zu jeder anderen Frau im Palast. Eben wie zu einer Mutter.
„Ich weiß nicht, ob diese Welt wirklich einen Platz für mich hat“, flüsterte Zora nach einer kurzen Zeit des Schweigens. „Vielleicht gehöre ich einfach nicht hier her …“
„Oh doch, Hoheit. Ihr gehört hier her, genau wie jedes andere Geschöpf.“ Milain sah sie streng an und hob mahnend einen Zeigefinger. „Wer soll Eure Brüder sonst zur Besinnung bringen, wenn nicht Ihr?“
„Das ist meine Aufgabe? Die Familie zusammenzuhalten? Sehr ehrenhaft, Milain. Wirklich.“ Mit zusammengepressten Lippen verschränkte sie die Arme vor der Brust und ging einfach weiter.
„Vorerst, ja … Aber so wird es nicht für immer sein. Das glaube ich nicht.“
„Woher weißt du das?“
„Ich weiß es einfach, Mylady. Ich weiß es. Ihr seid zu kostbar für diese Welt, um in einem Palast wie diesem zu versauern.“
Sie wurden von einem dröhnenden Donner unterbrochen. Der Gong hallte an den Mauern des Palasts wider und durchfuhr Zorali blitzschnell. Das Herz wollte ihr stehenbleiben. Ihre Atmung setzte für einen Moment aus und sie vergaß ihren Trübsal sofort. Fassungslos starrte sie Milain an. Erst als die Dienerin ihr sanft zulächelte, glaubte sie, was der Gong versprach. Ohne noch ein Wort zu sagen, rannte sie los. Sie hob das viel zu lange Kleid an, das ihr störend um die nackten Beine wehte und rannte, so schnell sie konnte.

Autorenlesung

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