Code Vision 1 – Vereint

Code Vision Band 1

Christopher

Die Sonnenstrahlen kamen schleichend, schummelten sich an dem schweren Vorhang des Esszimmers vorbei und erhellten ganz allmählich den Raum. Sie krochen über den langen Tisch, auf dessen Mitte eine leere Obstschale stand, und schließlich erreichte das warme Licht meine Finger. Fasziniert beobachtete ich, wie die Kante zwischen Licht und Schatten sich über meine Hände bewegte. So langsam, dass ich es eigentlich kaum wahrnehmen konnte, aber schnell genug, um den Blick nicht davon abwenden zu können. Ein überwältigendes Spektakel der Natur, dem ich mich stundenlang hingeben konnte.
Erst als das aufgeschlagene Buch, das zwischen meinen nackten Armen lag, ebenfalls von der Morgensonne erleuchtet wurde, schaffte ich es, mich loszureißen. Die Erinnerung daran, was mich heute erwartete, vertrieb meine Vorliebe für eine so einfache Schönheit, wie den Sonnenaufgang.
Ich griff nach dem Taschenbuch und drehte es in den Händen. Die ganze Nacht hatte ich hier im Esszimmer verbracht. Das war nicht unüblich. Ich aß hier, arbeitete hier, träumte hier. Einschlafen konnte ich bei zwei dieser drei Aktivitäten. Doch diese Nacht hatte ich nicht mit dem Schreiben oder den Träumereien verbracht. Ich hatte sie damit verbracht, mich auf die Folter dieses Tages einzustellen.
Mein Blick fiel auf die Rückseite des Buches. Spannend und erotisch, stand dort geschrieben. Dass ich nicht lachte – spannend war etwas anderes. Achtlos ließ ich das verkorkste Werk auf den Tisch sinken, zerrte meine Sweatjacke von der Stuhllehne und zog die Zigarettenschachtel aus der Tasche. Eine Kippe im Mundwinkel, tastete ich meine Hose nach einem Feuerzeug ab – vergeblich. Vor Wochen hatte ich mit dem Rauchen aufgehört. Die Zigaretten trug ich nur aus Gewohnheit mit mir herum.
„Mistkerl“, murmelte ich mir selber zu, starrte das Buch vor mir an und gab mich schließlich geschlagen. Es verkaufte sich ganz passabel und wenn meine Agentin der Meinung war, dass ich Signierstunden und Lesungen abhalten musste, dann würde ich es eben tun. Egal wie viele Zahnspangen mir dabei verliebt entgegen grinsen würden.
Ich nahm die Zigarette wieder aus dem Mund, legte sie auf den Tisch und kehrte ihr den Rücken. Kaffee! Bevor ich irgendjemandem auch nur ein Autogramm geben
würde, musste ich mich mit der einzigen Droge munter machen, die ich hier zur Verfügung hatte.
Der Weg in die Küche führte mir einmal mehr vor Augen, wie trostlos ich eigentlich lebte. Dieses Anwesen war früher wirklich schön gewesen – zumindest, wenn man hier nicht hatte aufwachsen müssen. Jetzt waren die meisten Zimmer von dicken Staubschichten und paarungswilligen Spinnen erobert worden. Die Heizung ging nur in drei Zimmern und auf den Fluren flackerten die Lichter. Ich wusste nicht mehr, wie oft ich die Glühbirnen gewechselt oder Elektriker angerufen hatte. Irgendwann war ich zu dem Entschluss gekommen, dass ich auf den Fluren kein Licht brauchte. Es hatte etwas Spannendes, wenn man nachts mit einer Kerze durchs Haus lief und die Schatten an den Wänden zitterten.
Die Küche sah genauso traurig aus, wie der Rest des Hauses. Sie war groß und geräumig, bot genug Platz für mindestens fünf Angestellte, die köstliche Malzeiten vorbereiteten und anstelle eines einfachen Kühlschranks, gab es einen ganzen Kühlraum. Auf den Herd wäre jeder Vier-Sterne-Koch neidisch gewesen – für die größeren unter ihnen war er wohl inzwischen zu veraltet – und wahrscheinlich gab es kaum eine private Küche, die mehr Töpfe und Pfannen hergab als meine. Doch alles, von der bedauernswert leeren Speisekammer bis hin zu den ausladenden Arbeitsflächen, war verlassen und unberührt.
In der Regel benutzte ich nur den Kühlraum, oder besser gesagt einen kleinen Teil davon, und die Mikrowelle. Ich hatte sie vor einem halben Jahr gekauft. Im Gegensatz zum Rest der Küche, war sie richtig modern. Sofort steuerte ich auf die Kaffeemaschine zu – das dritte und letzte Utensil dieses Zimmers, das ich nutzte.
Während ich großzügig gehäufte Löffel des angenehm duftenden Kaffeepulvers in den Filter häufte, nahm ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr. Ich lebte schon seit Jahren alleine in diesem Haus, doch der Schreck, der mich das erste Mal durchfahren hatte, blieb trotzdem aus.
„Komm schon. Wirklich? Jetzt? Das ist doch nicht dein Ernst, oder? Ich habe keine Zeit für Hirngespinste!“
Ich schloss die Kaffeedose und wandte mich nach links. Der Schatten am anderen Ende der Küche, genau vor dem Herd, hatte schwache Konturen. Im Grunde war es nur eine große schwarze Wolke, von der ein eigenartiges, violettes Schimmern ausging, doch mit etwas Phantasie konnte ich vier Arme und einen spitzzulaufenden
Kopf erkennen. Phantasie hatte ich weiß Gott genug, weshalb mir der Anblick einmal mehr eine Gänsehaut über den Rücken jagte.
„Genau!“, rief ich, als die schwarze Wolke sich in Bewegung setzte. „Verzieh dich wieder.“
Sie näherte sich der Wand und verschwand dann einfach. Lange hatte ich geglaubt, dass sie durch die Wand hindurch entfloh. Heute wusste ich, dass sie sich einfach nur auflöste. Mein Verstand spielte mir diese Streiche – regelmäßig. Und es nervte!
Ich rieb mir den Nacken und sah gedankenverloren aus dem Fenster, während die Kaffeemaschine laut Gurgelte. Vor mir erstreckte sich ein Garten, der irgendwann vor vielen Jahren einmal sehr schön gewesen war – genau wie das Haus mit seinen unzähligen Zimmern. Ich erinnerte mich an Obstbäume und Beerensträucher an den Grenzen des Grundstücks. An schön gepflegte Wiesen und Gartenpartys der Extraklasse. Wieder lief es mir kalt den Rücken hinunter.
Die Geister der Vergangenheit waren schlimmer, als die Einbildungen, die manchmal durch diese Mauern waberten. Ich war mir sicher, dass sie nur deshalb existierten, weil mein Unterbewusstsein mir etwas sagen wollte. Und zwar, dass es sich gerne wieder mit Horrorgeschichten befassen wollte, statt mit Romantik, Kitsch und Happy Ends. Aber genau das war der Grund, weshalb ich sie ignorieren musste. Einfach ignorieren.
„Mein Name ist Christopher Redfield und ich bin der Herr über meinen Verstand“, redete ich mir ein. „Ich werde diesen Kaffee trinken, dem Schatten keine Beachtung schenken und mich dann für meine Fans fertig machen, damit ich die Signierstunde halten und meine reizende Agentin zufrieden stellen kann.“
In Wirklichkeit wollte ich dem Schatten sehr wohl Beachtung schenken. Meine Fans waren mir so egal, wie sie es nur sein konnten und auf die Signierstunde freute ich mich genauso wenig, wie auf das zufrieden strahlende Gesicht meiner Agentin Liz, von der ich jetzt schon wusste, dass sie mich viel zu überschwänglich an sich drücken würde. Aber all das war egal, denn ich würde weder dem Auftritt in der Buchhandlung, noch dem roten Lippenstiftmund von Liz entkommen, die spätestens morgen wieder auf der Matte stehen würde.

Emily

War ich tot? Das konnte nur der Himmel sein. Die feurige Version des Jenseits zwei Etagen tiefer schied aus, denn ich befand mich mitten in einem Dior-Laden und alle Handtaschen wurden für die Hälfte des Preises ausverkauft.
Während mein Verstand noch damit rang, wie ich hierhergekommen war, fassten meine Augen ein überaus seltenes Sammlerstück ins Auge. Mit energischen Schritten näherte ich mich dem rosafarbenen Traum einer jeden Frau und starrte sie ehrfürchtig an. Ein gleißendes Licht umgab mein Objekt der Begierde, als sich ein paar fremde Finger danach ausstreckten und sie schließlich umfassten. Moment mal. Das war meine Tasche! Ich hatte sie zuerst gesehen!
Ich drehte den Kopf so schnell zur Seite, dass meine rotblonden Locken nur so flogen und fokussierte meine Gegnerin: blond, blauäugig, Kaugummi kauend und mit einem Ausschnitt verziert, der sogar einen katholischen Priester dazu gebracht hätte, sein Zölibat zu überdenken.
Wut kochte in mir hoch und ich musste im Geist erst bis drei zählen, bevor ich zuckersüß hervorbracht: „Entschuldigen Sie, aber ich habe diese Tasche wohl zuerst gesehen.“
Blondi musterte mich so intensiv von oben bis unten, dass ich ernsthaft überlegte, ob ich mir heute Morgen etwas angezogen hatte.
„Ey Rauschengelchen, schieb ab. Ich hab sie zuerst gesehen!“
Ich musste meine komplette Willenskraft aufbringen, um freundlich zu bleiben, aber es half nichts. „Erstens heiße ich nicht Rauschengelchen und zweitens würde ich es deiner Gesundheit wirklich sehr empfehlen, wenn du die Tasche jetzt loslässt.“
Ehe ich mich versehen konnte, hatten sich meine Finger im weichen Leder der Dior-Tasche vergraben und ließen sie nicht mehr los. Ein Gerangel und Gezerre entstand, sodass die umliegenden Personen mit ihrem Tun inne hielten und wir nun die volle Aufmerksamkeit aller Anwesenden hatten.
„Lass sofort los! Was willst du Pummelchen überhaupt damit? Die passt ja nicht mal zu deiner Haarfarbe!“
Pummelchen? In Ordnung. Das war zu viel. Blondi hatte es ja nicht anders gewollt. Abrupt ließ ich die Tasche los und meine Feindin verlor das Gleichgewicht in ihren 15-cm-Absätzen. Mit einem lauten Aufkeuchen machte ihr dürrer Hintern Gesellschaft mit dem harten Marmorboden.
„Sag mal, hast du sie noch alle?“, fragte sie verärgert.
Ich griff in meine Handtasche und zog genüsslich meine pinkfarbene Smith&Wesson heraus. Ja, ich musste zugeben, dass ich vielleicht einen kleinen Tick in Bezug auf die Farbe Pink hatte, aber immerhin war ich eine junge Frau und außerdem ging es niemanden etwas an, was mir gefiel und was nicht. Um dem Maß an Vorurteilen noch eine Krone aufzusetzen, baumelte ein kleiner Hello-Kitty-Kopf vom Griff der Kanone.
Blondis Augen traten jetzt so weit aus ihren Höhlen heraus, dass sie verblüffende Ähnlichkeit mit einem Frosch aufwies.
„Gib mir die Tasche. Und zwar schnell!“, bat ich sie in einem nicht ganz freundlichen Ton. Aber mal ehrlich: Pummelchen? Vielleicht hatte ich ein paar Kilos zu viel auf den Rippen, aber ich war mir meines weiblichen Auftretens und meiner Wirkung auf Männer durchaus bewusst.
Anstatt, wie jeder normale Mensch es tun würde, mir die Tasche auszuhändigen, umschloss sie sie jetzt noch verbitterter und funkelte mir böse entgegen.
„Meinst du, ich habe jetzt Angst? Deine Knarre hilft dir auch nicht weiter!“
Ja, eigentlich dachte ich, dass sie jetzt Angst hätte. Was war sie? Eine Außerirdische oder eine Verrückte?
Wenn mein Blut einmal in Wallung geriet und heiß durch meine Adern pulsierte, dann ließ ich mich auch von einer Verrückten nicht aufhalten. Ich richtete die Waffe auf ihren Kopf und betätigte den Abzug … nichts.
Ein dumpfes Klicken war zu vernehmen, aber es wurde keine Kugel abgefeuert. Verdammt! Ich hatte sie doch gestern Abend erst gereinigt und wieder korrekt zusammengesetzt.
Ich legte erneut den Finger auf den Abzug, doch bevor ich irgendetwas unternehmen konnte, stand Blondi bereits vor mir und lächelte mich milde an.
„Schon gut. Alles wird wieder gut.“, flüsterte sie in mein Ohr, umarmte mich herzlich und leckte mir über die Wange. Bitte? Igit! Warum leckte sie mich denn ab? Sie hörte überhaupt nicht mehr damit auf …
Mit wild pochendem Herzen schlug ich die Augen auf und erblickte eine feuchte Hundeschnauze. Ceci! Ich hatte geträumt. Schade … die Tasche hätte ich schon gerne gehabt.
Um sicher zu gehen, richtete ich mich auf und ließ den Blick durch mein Schlafzimmer schweifen. Ja, das war mein Schlafzimmer, kein Dior-Laden mit Ausverkaufschildern. Entrüstet stöhnte ich auf – das wäre ja auch zu schön gewesen!
Ich schloss Ceci – eigentlich hieß sie Cecilia –, meinen American Pitbull, liebevoll in die Arme und streichelte ihr über den Kopf. Prompt setzte sie ihr Werk fort und leckte mir weiter über die Wangen.
Eigentlich hatte ich sie mir vor drei Jahren zur Abschreckung gekauft, weil ich der Überzeugung war, dass ich keinen Mann in meinem Leben brauchte. Allerdings stellte sich schnell heraus, dass Cecis Charakter bei der Geburt falsch programmiert worden sein musste, denn alles was sie in die Flucht schlug, waren die Wollmäuse unter meinem Bett, wenn sie mit dem Schwanz wedelte.
Noch während ich die gemeinsame Zeit mit ihr genoss, fragte sich ein entlegener Teil meines Gehirns welchen Wochentag wir hatten. Die Ernüchterung kam sofort – Freitag. Ich musste zur Arbeit!
Mit einem Satz sprang ich aus meinem Bett und eilte zum Kleiderschrank. Wieso hatte ich gestern meine Klamotten nicht zurecht gelegt? Ach ja, ich war zu müde gewesen. Es gab eigentlich nur drei Situationen in denen man ein Gespräch mit mir tunlichst vermeiden sollte: Hunger, Müdigkeit und Kaffeeentzug. Zwei der drei Szenarien ballten sich nun auf einem Haufen, was meine Laune nicht unbedingt verbesserte.
Ich zog das erst beste Kleid aus dem Schrank und befand mich schon halb auf dem Weg unter die Dusche, als mir Cecis flehender Blick begegnete.
„Natürlich, du willst vor die Tür.“
Schnell öffnete ich ihr die Tür in den Garten von Miss Mapp, meiner Nachbarin, und unterzog mich selbst einer Katzenwäsche. Auf dem Weg zurück ins Schlafzimmer ließ ich sie wieder herein und vernahm sofort das gewohnte Gekeife von Nebenan: „Wenn ich Ihren Köter noch einmal zwischen meinen Büschen erwische, dann rufe ich die Polizei!“.
„Sorry, Mrs. Mapp“, bemühte ich mich, möglichst schuldbewusst, zurückzurufen.
Nachdem ich mich endlich in ein smaragdgrünes Kleid mit schwarzer Strumpfhose und karamellfarbenen, kniehohen Stiefeln gezwängt hatte, brachte ich auch mein Gesicht halbwegs in Ordnung und stürmte schnell zur Tür hinaus. Wenn ich wieder
zu spät kam, würde mir Mr. Duff – von mir in Gedanken Mr. Doof genannt – die Hölle heiß machen.

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